Dirigent Marcel Nicolajevich Verhoeff

Marcel N. Verhoeff, geboren 1956, bekommt mit sechs Jahren seine ersten Klavierstunden vom Vater. Ab 1975 studiert Marcel Sologesang bei Herman Woltman am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Er setzt sein Studium bei Aafje Heynis fort, bevor er am „Conservatoire Royal“ in Brüssel zu Louis Devos wechselt. Er studiert Chorleitung bei Jan Eelkema sowie Dirigieren bei Fernand Terby, Kenneth Montgomery, Antoni Ross-Marba und bei Anton Kersjes, der jahrelang sein Coach war.
1975 dirigiert Marcel Verhoeff seinen ersten Chor. Nach einigen erfolgreichen Konzerten mit vorwiegend russischer Musik besucht er 1987 auf Einladung der russischen und niederländischen Regierung die ehemalige Sowjetunion zum ersten Mal. Dieser Besuch wird seine Karriere zum groβen Teil bestimmen. Diesen Reisen folgt 1990 die ehrenvolle Einladung anlässlich Tschaikowskis Gedenkjahr, der 1840 geboren wurde, den Großrussischen Akademischen Staatschor „Alexander Yurlov Kapella“ zu dirigieren.
Die Zusammenarbeit zwischen Chor und Dirigenten wird später mit einer Konzerttournee in den Niederlanden erfolgreich fortgesetzt. Es folgen Gastdirigate u.a. beim Sinfonieorchester von Sankt-Petersburg – zusammen mit der legendären Klavierspielerin Tatjana Nikolajewa (Tschaikowskis Klavierkonzert Nr. 2). 1993 wird Marcel Verhoeff zum Chefdirigenten der ‘Male Voices of Bulgaria’ in Sofia ernannt. Mit diesem Chor produziert er einige eindrucksvolle CDs in der Alexander Newski Kathedrale in Sofia (erschienen unter dem Label „Koch-Schwann“). Im selben Jahr nimmt er die Vesper op. 39 von Sergei Rachmaninow mit dem Akademischen Männer und Jungen Staatschor in Moskau auf. Rachmaninow hat dieses Werk speziell für Jungen- und Männerstimmen geschrieben und es ist das erste Mal, dass eine Aufnahme auf diese Art produziert wird.
Im Oktober 1993 wird Marcel Verhoeff zum Offizier des Kosakenregiments in Krasnodar (Süd-Russland) und zum Chefdirigenten des Don KosakenChors Russland gewählt. Mit diesen Ensembles macht Marcel ‘Nikolajewitsch’ Verhoeff verschiedene Tourneen und CDs. Seit 1997 ist Marcel Verhoeff regelmäβig als Gastdirigent an der Rumänischen Staatsoper in Cluj-Napoca, der Staatsphilharmonie Moldawien in Iasi (R) und der Staatsoper von Moldawien tätig.
Im September 2000 und Oktober 2001 ist Marcel Verhoeff zu Gast bei der Staatsphilharmonie in Iasi, Rumänien, an der er eine Operngala dirigiert. Anlässlich des Open-Airs 'Midsummernight-concert’ im Rahmen des 750-jährigen Jubiläums der Stadt Breda (NL) leitet er den Königlichen Männerchor Breda, den Chor der Philharmonie aus Breslau, sowie zahlreiche international bekannte Vokalisten und die Königliche Militär-Kapelle als Gastdirigent. Im Mai 2012 dirigiert Marcel die Uraufführung von ‘The Flood’ („Die Flut“ komponiert vom niederländischen Douwe Eisinga) mit Solisten und dem Staatsphilharmonischen Chor sowie dem Orchester “Moldova” in der Philharmonie in Iasi (Rumänien). Das Konzert wird vom rumänischen Staatsrundfunk live übertragen.

Interview mit Marcel Verhoeff

Du bist beruflich viel unterwegs und arbeitest schon über 20 Jahre in Russland. Das ist eine lange Zeit. Was verbindet dich mit diesem Land?
Während meiner Reisen inder ganzen Welt erlebe ich oft schöne und vor allem berührende Momente. Eines meiner festen Reiseziele ist tatsächlich Russland mit seiner Geschichte, seinen wunderschönen Städten, der schönen Natur und vor allem den gefühlvollen Menschen . Das ist wie „nach Hause kommen“. Mittlerweile ist Russland über 20 Jahre mein zweites Zuhause, aber irgendwie auch nicht. Russland ändert sich, Russland lebt, Russland ist eine Herausforderung. Ich könnte ein Buch schreiben über dieses interessante und eindrucksvolle Land. Der Unterschied zu vor 20 Jahren ist unglaublich. Jemand, der Moskau oder Sankt-Petersburg vor 20 Jahren zum letzten Mal besucht hat, wird sich heute in diesen großartigen Metropolen mit enormer Energie nicht sattsehen können. Diese Energie empfinde ich auch bei meinen Musikern. Die Leidenschaft, die Emotion und die innere Kraft rühren mich oft zu Tränen. Deshalb fühle ich mich auch sehr privilegiert mit diesen Musikern weltweit arbeiten zu dürfen.

Der Don KosakenChor Russland ist mittlerweile ein fester Bestandteil internationaler Podien. Aber wie arbeitet ein niederländischer Dirigent mit einem professionellen, russischen Ensemble? Wie passt das zusammen?
Musik ist eine internationale Sprache, die Kulturen miteinander verbindet. In Russland fühle ich mich zuhause und bin Russe unter den Russen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass nach langjähriger Zusammenarbeit eine feste Freundschaft zwischen den Vokalisten des Don KosakenChors Russland und den Instrumentalisten des Ensembles der Solisten ‘Philharmonia’ entstanden ist. Und es gibt eine freundschaftliche Verbindung mit Solisten wie Jewgeni Polikanin. Neben der intensiven musikalischen Zusammenarbeit gibt es immer Zeit bei Wodka, Blinis und anderen russischen Köstlichkeiten über das Leben, die Politik und das, was man mit Freunden teilt, zu philosophieren. Oft sind das emotionelle Abende wie man sie auch in den Büchern von Tolstoi, Leskow oder anderen russischen Autoren findet. Auf Tourneen ist uns das gemeinsame Essen sehr wichtig. Ich erinnere mich noch an einem Sonntagnachmittag in meinem Garten in Zeeland (NL). Ich wohne im Zentrum eines ruhigen Dorfes. Während einer kurzen Sommertournee haben meine Frau und ich den Chor, das Ensemble, Freunde und Nachbarn eingeladen, bei uns im Garten das seeländische Leben zu genießen... Das sind Momente, die man im Herzen trägt.

Du sprichst von Freundschaft, die ihr auch auf der Bühne ausstrahlt. Wie bereitet ihr das Repertoire vor?
Kreative Prozesse entstehen in einer „freundschaftlichen“ Umgebung. Die unerschöpfliche Quelle unbekannter russischer Musik ist für uns jedes Mal eine Herausforderung. Es ist wunderbar gemeinsam neues Repertoire zu entdecken und dann neue künstlerische Programme zusammenzustellen. Unser Ziel ist es unbekannte russische Musik zu interpretieren. Neben Werken von, im Westen weniger bekannten russischen Komponisten, wie Pachmutowa, Schwesnikow, Orbelian, Solojew, und Swiridow werden uns von Sängern und Instrumentalisten, aber auch von Bibliotheken und Konservatorien aus Moskau und Krasnodar (Red. russische Stadt am Fluss Don und Hochburg der Kosaken) interessante, unbekannte Kompositionen angeboten. Diese werden dann authentisch aufgeführt oder in Zusammenarbeit mit russischen Musikern, speziell für Chor und Ensemble bearbeitet. Einer der gröβten Arrangeure auf diesem Gebiet ist Waleri Jeltschik, ein Meister auf der Balalaika. Wir schreiben viele Arrangements mit ihm zusammen. Die richtige Balance zwischen altbekanntem und neuem Repertoire macht unsere Konzerten für ein breites Publikum zugänglich.

Ist die Fluktuation im Chor und Ensemble groß oder bist du immer mit einer festen Gruppe auf Tournee?
Die Fluktuation im Chor ist nicht groß, aber man kann die Arbeitsweise des Chors vergleichen mit der Aufstellung einer Fußballmannschaft, dessen Coach der Dirigent ist. Es stehen etwa 28 Sänger auf der Bühne, aber der gesamte Chor hat mehr Mitglieder. Vor jeder Tournee werden die Sänger ausgewählt. Das geschieht auf Grundlage des jeweiligen Repertoires und der jeweiligen Kondition, denn eine umfangreiche Tournee ist richtig Hochleistungssport. Jährlich werden Vorsingen organisiert, um die Qualität des Chores und des Ensembles zu gewährleisten, weil der Anspruch stetig steigt. Das sieht man an der Wahl des Repertoires, an den Arrangements und natürlich auch an den Musikern.

In der Presse war zu lesen, dass du den renommierten Preis „Rus Prix Award 2012“ bekommen hast - eine große Ehre ...
Ich war tatsächlich überrascht als ich den Preis am 1. Juni 2012 bekam. Es waren noch mehr Preisträger: Thymen Kouwenaar (Kulturattaché der niederländischen Botschaft in Moskau), Mark Rutte (Ministerpräsident der Niederlande), „Summa Groep & der Hafen von Rotterdam“ und Royal Philips Electronics & Electron. Es war sehr schön, dass den Preisträgern von Astronaut André Kuipers, der 2004 den „Rus Prix Award“ bekam,  aus dem All dieser Preis zugesprochen wurde. Der Preis öffnete viele Türen gleichzeitig; dadurch ergaben sich noch mehr Möglichkeiten für Chor und Ensemble.

Die CD ‘A Russian Romance’ enthält auch Werke, die im Westen unbekannt sind. Das wunderbare Repertoire ist sehr schön aufgezeichnet, die Stücke rein und intensiv interpretiert. Auch die instrumentalen Passagen sind sehr virtuos und haben ein hohes, professionelles Niveau. Emotion und Kraft sind deutlich spürbar.
Vielen Dank für dieses Kompliment. Wir tun unser Bestes und genießen es, jeden Abend aufs Neue Theater und Konzertsäle mit russischen Klängen zu füllen, weil wir das aus Liebe zu der Musik machen. Es ist wunderbar zu sehen, wie das Publikum den Saal mit einem Lächeln verlässt. Wenn wir es schaffen, die Musik aus unseren Herzen sprechen zu lassen und das auch so vom Publikum empfunden wird, ist unsere Mission erfüllt. Übrigens ist es schön, dass unser ‘neues’ Repertoire auch in Russland selbst sehr gut ankommt. Das haben wir zum Beispiel während unserer Konzerte im „Dom Musika“ in Moskau gemerkt.