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Eine russische Romanze

Die russische Romanze ist eine unerschöpfliche Quelle poetischer Figuren und wunderbarer Melodien. Die Romanze erfüllt uns mit Aufregung, lässt das Herz höher schlagen, rührt an den feinsten und schönsten Saiten der Seele.

Alle großen russischen Komponisten haben sich der Romanze zugewandt, auch in den Werken sowjetischer Musiker entwickelte sich die Tradition der klassischen Romanze fort. Lieder von Alexandra Pachmutova beschreiben feinste Nuancen menschlicher Gefühle. Wie jung wir waren [1] ist ein Monolog eines reifen Menschen. Ein gespannter Aufschwung löst bedächtiges Schwelgen in Erinnerungen ab: in diesem „Wie jung wir waren!“ klingen Bedauern und Bitternis mit, aber auch die Gewissheit, dass der zurück liegende Weg richtig war. Auf die Suche nach der „vergessenen Melodie der Liebe“ begibt sich das lyrische Ich in Pachmutovas Lied Du bist meine Melodie [11]: die breite Kantilene vermittelt tiefe Nachdenklichkeit, Trauer und Enttäuschung, aber auch das leidenschaftliche Bestreben, das Verlorene wieder zu erlangen. Ein weiterer Monolog über die Liebe ist „Eile nicht“ [9] von Arno Babadschanjan und Evgeni Ewtuschenko. Lyrische Romanzen sind verwandt mit Heimatliedern. Das „Abendlied“ von Wassili Solovjev-Sedoj ist eine Elegie, gerichtet an eine ganze Stadt, so lebendig und verständnisvoll wie ein Freund. Eine helle Landschaft, untrennbar mit der Liebe „zu unserer guten Erde“ verbunden, zeichnet Konstantin Orbeljans Lied Das Rauschen der Birken [2]. Eines der schönsten Heimatlieder ist Russische Felder [13] von Jan Frenkel und Ina Hoff. Es ist mehrere Jahrzehnte her, dass dieses Lied im Film Neue Abenteuer der Unfassbaren erschienen ist, doch die Kraft dieses Liebesbekenntnisses zum Vaterland ist ungebrochen. Liebe zum Leben und gleichzeitig der Abschied vom Leben sind das  thema des Kosakenlieds Schön ist’s, Brüder, schön ist’s [4], das von einem im Kampf tödlich verwundeten Kosaken gesungen wird. Der Appell, den der Hauptmann vor und nach dem Kampf durchführt, verleiht dem Lied eine besondere Ausdruckskraft. Mit großem Schmerz erfüllt ist der Ausruf des Hauptmanns, als dieser begreift, dass einer seiner Kameraden gefallen ist. Ebenfalls ein historisches Bild erschafft die Szene aus der Oper Chowanschtschina [8] von Modest Mussorgski. Die Strelitzen (Leibgarde Peter des Großen), die erfahren haben, dass Peters Truppen zu ihnen vorstoßen, begeben sich zum Wohnsitz ihres Anführers, des Fürsten Chowanski. Im trauervollen Chormotiv („Vater, Vater, komm zu uns“) klingt die Verzweiflung ratloser Menschen. Die Strelitzen bitten den Fürsten, sie in den Kampf zu führen, doch Chowanski befiehlt ihnen, nach Hause zu gehen. So bleibt ihnen nur das Gebet: „Herr, nimm uns in Schutz vor den Feinden“, und dieses Choral klingt wie der Trauergesang bei einer Bestattung.
Der Musik von Mussorgski ist auch das Orchester-Medley [3] gewidmet. Das Morgendämmerung an der Moskva (die Ouvertüre der Oper Chowanschtschina) wird von einer Melodie eröffnet, die wie eine getragene Volksweise anmutet – eines der Symbole der russischen Musik. Danach beginnt eine Märchenhexe ihren Flug – Baba Jaga, ein Stück aus dem Zyklus Bilder einer Ausstellung, bevor das majestätische, mächtige Große Tor von Kiew aus dem gleichen Zyklus den feierlichen Abschluss dieses Medleys bildet. Beliebte Episoden der russischen Klassik erwachen im Instrumentalmedley [7] zum Leben. Ein flotter Volkstanz erklingt in der Fastnacht aus Peter Tschaikowskis Jahreszeiten. In Kontrast dazu treten bedrohliche Themen der Feindschaft zwischen den Familien Capulet und Montague aus Sergei Prokofjews Ballett Romeo und Julia. Das Medley reißt den Hörer mit und lässt ihn ungeduldig auf die Fortsetzung warten. Und dann erklingen feurige Männertänze und schmachtende orientalische Melodien aus der Scheherezade von Nikolai Rimski-Korsakow, bevor ungestüme Motive in Dur aus der Ouvertüre zu Michael Glinkas Oper Ruslan und Ludmila dieses musikalische Mischgericht (franz. pot-pourri) vollenden. Die Orchesterstücke sind das Schmuckwerk dieser CD. Hervorragend klingen die Variationen zum ukrainischen Lied Hinterm Don, hinter der Donau (auch bekannt unter dem Titel Es fuhr ein Kosake über die Donau) sowie die Bearbeitung des uralten Walzers Herbsttraum. Dieser Walzer wird zu einer Art Leitmotiv für das gesamte Album, er findet sich in mehreren Titeln wieder [7, 12, 14]. Komponiert wurde dieser Walzer vom Engländer Archibald Joyce, doch er ist zu einem genuin russischen Musikstück geworden, das eine traurige, leicht melancholische Stimmung ausdrückt. Den Abschluss bildet das Potpourri Eine russische Romanze [14]. Hier begegnen dem Hörer viele beliebte Melodien. Eröffnet wird das Stück vom Abschied der Slawin, einem legendären Marsch e aus den Zeiten des ersten Balkankrieges von 1912, geschrieben von Vasily Agapkin. Danach erklingen im Wechsel die 30er-Jahre-Lieder Poljuschko, pole („Feldchen, mein Feldchen“) von Lew Knipper und Katjuscha von Matvei Blanter. Die zärtliche Melodie und der ungekünstelte Text von Wassili Solovjev-Sedojs Lied Moskauer Nächte erlauben einen besonderen Blick auf die rätselhafte „russische Seele“. Von Leidenschaft und Zigeuner-Kühnheit durchdrungen sind die in Schwarzen Augen sowie die abschließende Romanze Die lange Straße. Diese CD verbindet harmonisch Vokal- und Instrumentalstücke und schenkt dem Hörer wundervolle Momente der Begegnung mit vielen bemerkenswerten Werken russischer Komponisten und einigen der besten Beispiele für die vielfältige Vokallyrik Russlands.
Natalia Plotnikova (Moscow State Conservatory)
 

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